Diana  08.03.2018 3 Kommentare

Ruta 40

Kurz nach dem Grenzübertritt Chile - Argentinen auf der Schlaglochpiste Ruta 41 wurde mir hinter einer Kuppe tiefer Schotter zum Verhängnis. Nach einigem Schlingern und dem Versuch das Ganze noch zu retten, habe ich den Straßenbelag unfreiwilligerweise näher betrachten müssen. So wie mein Helm aussieht bin ich wohl (geschätzt mit maximal 70km/h) mit dem Kopf aufgeschlagen. Harold legte unwissentlich vor besagter Kuppe, hinter der ich bewusstlos lag, noch eine Pinkelpause ein und ist gut erschrocken, als er dann weiterfuhr. Mit ihm hatte ich direkt einen ausgebildeten Rettungssanitäter dabei, Helm abziehen, Extremitäten untersuchen hat gut geklappt, die Untersuchung des böse schmerzenden Beckenknochens habe ich ihm im Halbwachen angeleitet. Handyempfang gleich null, nicht mal Notruf war möglich im Niemandsland der Grenzregion. Bis ich mit Krankenwagen vom Unfallort eingesammelt und ins Krankenhaus gebracht worden wäre, wären sowieso mindestens 2 Stunden vergangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass in der nächsten Stunde ein Auto vorbeikommt war auch eher gering. Also aufstehen, Motorrad aufheben, weiterfahren. Etwa zwei Stunden haben wir gebraucht bis ins nächste Dorf. Mit einer ordentlichen Gehirnerschütterung samt Übelkeit führte der erste Weg ins Hotelbett. 

Erst nachdem der Kopf besser wurde, machten sich die anderen Blessuren bemerkbar. Insbesondere die linke Handwurzel war dann für mich Grund zum Arzt zu gehen (muss ja schließlich wieder kuppeln können), aber erstmal Essen bestellen, danach dann. Der Arzt hatte erstmal die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, weil wir im überteuerten Hotel abgestiegen sind, bei ihm sei es doch viel billiger und die Teller voller. Danach fand er die Idee gut mich röntgen zu lassen, er musste sowieso noch einkaufen und beides geht nur im 120km entfernten Perito Moreno. Auch einen Polizisten, der in die Stadt wollte haben wir noch eingesammelt und mitgenommen. Harold hat daraufhin ebenfalls den Rucksack eingepackt, damit wir die nächsten Tage was zu Essen haben. Nach einigen Kilometern sind wir dann nochmal umgedreht - Arzt hat sein Portmonee vergessen. Auf der Fahrt wurde dann gemütlich zusammen Mate getrunken und überlegt, wie man mich noch dekorieren könnte. Verband an die Hand, Stiffneck.. und viele Fotos, weil der Arzt mein blaues Kinn so lustig fand. Und immer wenn es Grund dazu gab (zum Beispiel als sich die beiden Bilder der Tänzerinnen des letzten Junggesellenabschiedes präsentierten hatten) hatte er den unteren Gurt der Trage aufgemacht, damit ich Harold treten konnte. Im Krankenhaus wurde Schädel, Halswirbelsäule und Hand geröngt - alles heile. Spannend war das uralte Röntgengerät und der nicht vorhandene Strahlenschutz. Bleischürzen existieren nicht, und der Röntgenassistent bleibt unberührt während der Aufnahme neben dem Patienten stehen. Auch wurde meine Hand zum Röntgen auf meinen Bauch gelegt, ich war allerdings zu platt um zu protestieren. Nachdem Arzt und Harold ihre Erledigungen getätigt hatten haben sie mich wieder eingesammelt und es ging zurück nach Bajo Caracol. 

Die folgende Nachte haben wir in der Krankenstation verbracht, wo wir im Schlafzimmer des Arztes übernachten durften. Ich habe hier gefühlt 5kg zugenommen, da er himmlisches Veggi-Essen gezaubert hat - und das zweimal am Tag. Als wir am Folgetag weiterfahren wollten, ergab sich das nächste Problem. Die Tankstelle war leer. Nachschub gibts vielleicht morgen Mittag, vielleicht auch nicht. Die 220km bis zur nächsten Tankstelle in südlicher Richtung waren uns zu heikel, also ist Harold mit dem Restsprit ins nördliche, 120 km entfernte Perito Moreno gefahren und hat dort den mitgenommenen 20L Kanister vollgemacht. Bis er 5 Stunden später wieder zurück war sind 3 weitere Motorradfahrer und ein Italiener auf einem Mofa gestrandet. Haben den Sprit brüderlich aufgeteilt, sodass alle weiterfahren konnten, wir allerdings aufgrund des Windes und der fortgeschrittenen Uhrzeit noch eine Nacht mitgenommen haben.

 

Der Wind weht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und nimmt im Tagesverlauf an Intensität zu. Die Böen schaffen es einen mit einem Satz in die Mitte der Gegenfahrspur zu wehen. Die Ruta 40 ist fatzengerade, entsprechend witzig sieht die Schäglage des Vorausfahrenden bei Seitenwind für den Hintermann aus. Und bei Pinkelstopps muss immer einer beide Motorräder festhalten, da beide deshalb schoneinmal auf der Erde lagen. Meins hat rechts ja jetzt eh keinen rechten Spiegel mehr, sodass Horrorgeschichte Nummer 2 keine weiteren Spuren hinterlassen hat - ein Ohrenzwicker hat sich während der Fahrt von meiner Stirn in den Kinnwindschutz fallen lassen - ich bin vom Motorrad gesprungen ohne den Ständer auszuklappen. Gefunden haben wir den kleinen Kerl aber erst etwa 150km später, als er im Hotel aus dem Helm gekrochen kam. 

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Kommentar von Hartmut |

Moi, moi, moi
...wie gut, dass es gut ausgegangen ist.
Drücken weiterhin alle Daumen für ein glückliches Gelingen.

Kommentar von Fuso |

Hey Ihr zwei !

Mann mann mann... Diana.. du sollst im Sattel bleiben !
Sensationelle Tour und noch sensationellererere Bilder :-)

Passt (bisschen besser) auf Euch auf !! Viel Spass noch !

Cheers
Fuso

Kommentar von Doris |

Wir haben nach deinem Unfall zwar schon oft telefoniert, aber alles erzählt hast natürlich nicht. Auch nicht Videotelefoniert (:)- schlau von dir...
Wenn ich das so les.....
Bitte Diana und Harold passt bissle besser auf euch auf. Wir wollen euch beide heil wieder in die Arme schließen und vielen Dank an den fleisigen Schutzengel.
Dicke Umarmung von Mama

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