Diana  24.07.2018 0 Kommentare

Potosi

Von Uyuni aus gings durch menschenleere Felslandschaften über einen Canyon zu der Stadt deren ehemaliger Reichtum immer noch sprichwörtlich ist. Potosi liegt auf 4000m Höhe, es herrscht Tageszeitenklima, sprich die Temperaturen sind über das ganze Jahr sehr ähnlich. Tagsüber hat es angenehme 13-19ºC, in der Nacht liegen die Temperaturen dann aber um den Gefrierpunkt.

Ich erinnere mich noch genau warum ich dieses Foto geschossen habe. Nachdem wir lange Zeit nur an Häuschen aus Lehmziegeln mit Gras oder Wellblechdach vorbeigefahren sind, kommt nun plötzlich eine Stadt mit verputzten Fassaden und teils auch recht hohen Gebäuden. Die erste bolivianische Großstadt ist so ganz anders als die ländlichen Regionen.

Wie in jeder bolivianischen Stadt gibt es einen Mercado Central und dort meist das beste Essen. Hier herrscht immer buntes Treiben, ganze Hühnchen liegen offen neben dem Blumenstand, immer mit mindestens einem bettelnden Hund davor, Marktfrauen zerteilen mit der Axt große Rinderbrocken, es werden Opfergaben für Pachamama verkauft, sowie eine Fülle an Obst und Gemüse, darunter Kartoffeln verschiedenster Sorten in den unterschiedlichsten Farben und Größen.

Wir machten uns auf die Socken zu der Touriagentur, die uns Gydo empfohlen hatte. Die Türen waren geschlossen, auf Klingeln und Klopfen keine Reaktion. Als jemand rauskamen, schaffen wirs doch noch ins Haus und landeten in der Jahresfeier der Touragency. Der englischsprachige Guide hatte gut einen im Tee, meinte aber eine Tour morgen sei kein Problem. Im Großen und Ganzen hatte er recht, er kam morgends tatsächlich mehr oder weniger fit aus der Tür gekrochen. Hatte den Vorteil: wir waren die einzigen Teilnehmer.

Zuerst wurden wir eingekleidet, dann gings auf den Mercado de los Mineros. Da in den Minen ganz normal gearbeitet wird, ist es Brauch, dass die Touristen Gastgeschenke mitbringen. Typisch sind Dynamitstangen, Ceibo (96%iger Alkohol) und Zigaretten (die selbstgebastelten Dinger im rosa Papier). Für uns suchte unser Guide Tüten mit Cocablättern, Softdrinks und Kekse aus, die wir kaufen sollten. Anschließend wurden wir auf den Cerro Rico (reicher Berg) hinaufgefahren.

Der Eingang sieht dunkel verspritzt aus - immerhin keine Touristenüberreste, wie uns unser Guide erst weismachen wollte - es handelt sich um Lamablut, welches mit der Bitte das Tageslicht wieder zu sehen hier geopfert wird. Danach gings es steil hinab in die Dunkelheit des Berges ….

 

wir sind ja nicht die ersten, die hier unten rumklettern, ein Video mit bekannten Gesichtern gibt's hier: https://youtu.be/2UlqbxIJVuM

 

Der erste Abstieg war so steil und staubig, dass wir schnell aufgaben und auf dem Hintern heruntergerutscht sind. Es folgten nicht wirklich vertrauenserweckende Holzleitern und enge Schächte.

In der Tiefe erwartete einen dann der Leibhaftige höchstpersöhnlich. Der Tio, so meinte unser Guide, ist der Ehemann der Pachamama und wird von den Mineros verehrt. Jeder Minenschacht hat seine eigene Tiofigur. Immer Freitags (wir hatten Glück, es war Freitag) wird dem Tio geopfert. Er bekommt Cocablätter und Ceibo auf das überdimensionierte beste Stück (damit er Pachamama glücklich macht und sie mehr Silber gebiert) und eine brennende Zigarette in den Mund. Wir mussten alle Lichter ausmachen und unser Guide betete auf Quechua, der Sprache der Inka.

Auf einem der Fotos unten sieht man Bohrlöcher, aus denen Zündschnüre hängen. In diesem Stollen wird momentan nicht gearbeitet, wenn man die Zündschnur herrausziehen würde, könnte das Dynamit explodieren. Nach 4 Wochen hat sich der Sprengstoff so zersetzt, dass weitergearbeitet wird.

Unser Guide lauschte immer angestrengt in die Schächte, bevor wir abbogen. Die Loren können und werden nicht anhalten, deshalb hieß es rennen! Gebückt liefen wir so schnell wir konnten in dem niedrigen und engen Schacht zu einer Niesche in die wir uns drängten. Eine Lore samt Mineros düste vorbei und weiter gings, wir rannten zur nächsten Station.

Nach der Hitze in den Schächten, dem geringen Sauerstoff auf über 4000m Höhe, dem Gerenne, Gekrabbele und Geklettere waren wir brotfertig, als wir die Minen verließen.

Auch wenn es wie ein hübsches Touri Abendeuter aussieht, nach und nach macht sich Beklemmung breit. Schließlich klettern wir durch das Grab von 8 Millionen Indios, welche die Gier der Spanier nach Silber teuer bezahlten. Damit diese den unmenschlichen Bedingungen zumindest eine Zeitlang standhalten zu können, legalisierte die katholische Kirche Coca, nachdem sie es zuvor verteufelt hatte. Immer noch haben die Mineros ein hartes und kurzes Leben, oft ist Silicose durch das Einatmen des Staubes die Ursache. Der Vater unseres Guides starb mit 40, was der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Mineros entspricht. Erst seit ein paar Jahren ist Kinderarbeit verboten. Keine 10 Jahren ist es her, da schufteten noch fast 1000 Minderjährige in den Schächten. Der Berg sei heute 300m niedriger, immer wieder stürzen Stollen ein, immer noch Sterben Mineros unter Tage - und das alles für 15€ am Tag. Wenn ein Minero stirbt, wird seiner Witwe angeboten über Tage zu arbeiten um die Familie zu ernähren. Die Kinder sitzen nebenbei, für sie sind die Kekse gedacht, die wir noch in den Rucksäcken hatten. Es ist so bitter...

Nächster Stopp war die Fabrik, in der das Silber aus dem Erz gewonnen wird. Harold durfte sich beim Steine zertrümmern erproben. Der Arbeiter war zufrieden, ich darf ihn dalassen ;-) Die Fabrik steht mitten in der Stadt, andere ebenfalls, unser Guide meinte, es gibt auch Schulen in direkter Nachbarschaft, zu denen die Dämpfe der Chemikalien hinüberziehen.

Der Mercado de los Mineros ist wahrscheinlich der einzige Ort auf der Welt an dem jeder, und zwar wirklich jeder dahergelaufene Spinner Dynamit kaufen kann -  so wie wir beide :) Für 2,50€ gibt's die Stange mit Sprengkapsel und Zündschnur. "Ne klar jagen wir das nicht einfach so zum Spaß irgendwo hoch .." wollte die Verkäuferin dann doch versprochen haben. Ok, Dynamit kaufen - check. Schritt 2: finde Ödland, so wie auf dem Weg hierher.

Bei den ersten Geschwindigkeitsreduzierungshubbeln schaute ich dann doch recht besorgt zu, wie Harolds Seitentasche hochflog und wieder am Motorrad aufschlug - Dynamit ist ja glücklicherweise eine stabile chemische Verbindung. Allerdings schien die Verkäuferin uns nicht getraut zu haben, oder wir waren zu unfähig. Jedenfalls wollte die Zündschnur sich nicht anzünden lassen und wir haben uns bevor wir Sucre erreichten des Dynamits entledigt - ohne großen Knall und Sandfontäne.

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